Umstellung von Trockenfutter auf Fleisch

 

 

Langer Atem – viel Geduld - Protokoll einer Umstellung von Trockenfutter auf eine artgerechte Ernährung

Eines Tages bekam ich ein Anfrage, ob ich nicht ein kleines Mädchen aufnehmen würde, vom Hören und Sagen soll sie ein gesundes Persermädchen sein, leider nicht zu vermitteln, weil sie etwas Schnupfen hätte und der Platz wäre auch recht eng in ihrem alten Zuhause.

Ich dachte nicht lange nach und sagte ungesehen zu. Es sollte wohl so sein.

Zwei Wochen später wurde sie mir gebracht und ich mußte zweimal hinsehen im Transportkorb bis ich die kleine Maus sah. Da saß ganz hinten in der Ecke ein zusammengekrümmtes Etwas und sah mich mit großen, ängstlichen Augen an.

Sie sah aus wie ein sehr junges Kätzchen, ich schätzte sie auf 16 Wochen, aber die Kleine war schon ein Jahr alt. Ich bekam auch ein Ausstattungspaket dazu, das aus einer Packung Trockenfutter bestand. Kein Spielzeug, keine Kuscheldecke…nur Trockenfutter und es wurde mir ans Herz gelegt nichts anderes zu füttern.

Mit leicht hochgezogenen Augenbrauen und Falten auf der Stirn nahm ich das zur Kenntnis  und stellte den Korb mit der Kleinen auf den Boden, legte mich dazu und sprach leise auf sie ein. Die kleinen Öhrchen gingen hin und her, die Augen schauten mich an, aber aus ihrer Ecke kam sie nicht. Wohl auch etwas viel verlangt in der neuen Umgebung. Dafür nieste sie dreimal hintereinander und jedesmal riß es sie fast zu Boden.

Mein Kater Lucky kam dazu und legte sich neben mich und schaute neugierig in den Korb. Das war wohl zuviel für sie und sie drehte sich einfach um – wenn ich niemand sehe, dann sieht mich auch niemand.

Ich stellte den Korb in eine ruhige Ecke, stellte eine kleine Schale Trockenfutter hinein, setzte mich auf das Sofa mit einem Buch, mal immer zu ihr schielend. Lucky interessierte das weniger, er wollte Katzendamen besuchen gehen.

Als ich mal wieder über mein Buch sah, bemerkte ich wie sie an der Schale saß und mit der Pfote jedes einzelne Stückchen Trockenfutter heraus holte und zu ihrem Mäulchen führte. Welch edles Tier, dachte ich so ironisch für mich, welch gute Erziehung muß sie genossen haben. Ich sah bisher keine Katze so fressen.

Genug Aufregung für den ersten Tag dachten wir uns und legten uns schlafen, die kleine Maus wieder in ihre Ecke im Korb. Lucky, gekommen vom Flirten, neben mir im Bett.

Am nächsten Tag war ihr Schüsselchen leer und auch der Korb. Sally, so hieß das kleine Mädchen, war verschwunden. Da sie nur im Wohnzimmer sein konnte, machte ich mich erstmal nicht verrückt und ging meiner Arbeit nach.

Stunden später war sie noch immer nicht zu sehen, ich stellte ihr neues Trockenfutter hin und hüpfte wieder mit einem Buch auf mein Sofa. In einer Ecke stand ein großer Weidenkorb mit Zeitschriften und Büchern und hinter dem Korb sah ich zwei Öhrchen. Da war also ihr Versteck…gut gewählt und gut getarnt. Soll sie erstmal ankommen, die Ecke richte ich ihr gemütlich ein, dachte ich so für mich. Dazu mußte ich sie aber erstmal hochnehmen und erschrak dann doch sehr, was ich für ein Leichtgewicht ich in den Händen hatte. Ein Gerippe unter viel Fell. Sie klammerte sich an mich, krallte sich in meinen Kleidern fest und ich hatte Zeit sie mir anzusehen. Wo eine Nase sein sollte war nichts als eine flache Einbuchtung nach innen, übergroße Augen, die tränten und einen Überbiß hatte Sally auch. Nun war mir auch das „vornehme Fressen“ klar. Sie konnte nichts normal mit dem Mäulchen aufnehmen. Ich schaute vorsichtig ins Mäulchen und sah winzige Zähnchen mit Zahnstein und entzündetes Zahnfleisch. Die Baustellen mußten saniert werden und so ging es zu einer Grunduntersuchung zum Tierarzt meines Vertrauens. Die Untersuchung war nur möglich, indem Sally fest an mir angekrallt hing, wieso nicht, mal was anderes! Jedenfalls floß das Blut gut bei der Abnahme und ich stand im Schweiß.

Zwei Tage später bekamen wir die Diagnose „Leukose positiv“ und das Internet wurde gequält von mir, der Rechner lief heiß. Das erklärte ihren Zustand und es machte mich traurig, was ich so alles las. Mein Entschluß stand fest. Wenn ich ihr noch ein paar schöne Wochen machen sollte, dann sollte sie auch bessere Nahrung erhalten – ich würde sie artgerecht ernähren. Mein Kater Lucky ernährte sich draußen schon artgerecht und brachte mir den Überschuß jeden Tag mit, ich wurde reich beschenkt von ihm.

Ich hatte aber wohl die Rechnung ohne den Wirt…ähm… Sally gemacht. Ich bot ihr als erstes eine feine Creme mit Ente aus der Dose an, am liebsten hätte ich sie selbst mal versucht, so lecker roch das Zeug. Sally sah das anders. Sie legte sich vor ihr Schälchen und sah es an, letztendlich schlief sie davor ein. Nein, so ging es nicht. Ich rasselte mit der Trockenfutterschachtel und Sally stand bei Fuß, wenn man das so bei einer Katze sagen darf.

Sie sprach auch das erstemal mit mir, ein kleines, zartes Maunzen, wohl mir zu sagen: DAS WILL ICH! Gesättigt schlief meine kleine Maus hinter dem Weidenkorb auf einer Decke ein.

Am nächsten Tag weichte ich EIN Stückchen Trockenfutter ein (Wasser aus der Flasche und ein wenig Taurin dazu) und legte es unter die Anderen. Wie erwartet lag das eingeweichte Stückchen alleine im Schüsselchen und langweilte sich. So ging das 3 Wochen und dann war es weg (also nicht das gleiche, es wurde jeden Tag ein Neues eingeweicht). Aus Versehen wohl mitgefressen? Aber auch am nächsten Tag war das Näpfchen wieder leer. Ich wagte es ZWEI Stückchen unterzumischen und auch sie wurden gefressen. Meine Freude war groß. Ich steigerte immer mehr und wechselte auch zu einem hochwertigen Trockenfutter. Wir waren nun bei 50/50 % angekommen und Drei Monate älter.

Eines Abends kam ich nach Hause und mein Blick blieb gleich an Sally’s Näpfchen hängen, das noch voll war. Meine Maus hatte gar nichts gefressen am Tag und lag schlafend hinter ihrem Korb. Pure Verweigerung und das nach so einem schönen Erfolg. Ich war wohl zu schnell, zu drängend gewesen. Ich gab ihr an diesem Abend pures Trockenfutter, was sie besonders freute, mich weniger.

Ich stieg wieder um auf die „Ich gebe jeden Tag nur ein Stückchen dazu – Methode“ um und es ging weiter. Dazu nahm ich noch einen neuen Blumensprüher und sprühte noch Flaschenwasser über das Trockenfutter – nur ein Hauch. Mein Mädchen machte wunderbar mit und ich lobte nun noch mehr. Nach Sechs Monaten waren wir bei 100 % eingeweichtes Trockenfutter angelangt und wir beide bekamen einen gedachten Pokal.

Ich erhöhte noch die Wassermenge, wechselte auch mal mit Hühner- oder Rindsbrühe ab und langsam wurde das arme Trockenfutter zum Brei, welches sie nun auch mit dem Mäulchen aufnehmen konnte.

Nun ging es los mit hochwertigen Dosenfutter, aber nein, nicht einfach in den Napf und hinstellen! Es mußte mit homöopathischen Dosen eingeschlichen werden. Anfangs nur eine Messerspitze voll und hier wurde um das Eckchen herumgefressen. Vier Monate später waren wir bei 50 % Trockenfutterbrei und 50 % Dosenfutter. Der Rest ging dann schnell, nur ein Monat dauerte es und das Trockenfutter legte sich in seiner Schachtel schlafen.

Zehn Monate hatte es gedauert, bis ich Sally vom Trockenfutter komplett weg hatte. Ich bemerkte starke Veränderungen an ihr. Ihr Fell stand nicht mehr so weg, wie früher, denn sie war ja immer ein wenig ausgetrocknet von dem Trockenfutter und auch das Taurin zeigte schon lange Wirkung. Ihr Kleidchen glänzte wunderbar und verknotete nicht mehr. Eine erneute Blutuntersuchung zeigte, daß der Leukose-Titer heruntergegangen war, auch war der Schnupfen sehr viel besser geworden.

Zwischenzeitlich kamen noch andere Katzen dazu, die einfach vor der Türe standen und ich nahm noch ein Geschwisterpaar dazu, daß niemand mehr wollte, als die Scheidung eingereicht wurde. Sie fraßen alle fast auf Anhieb roh, aber Sally wäre mir auch hier wieder vor dem vollen Napf verhungert.

Ich begann nun Putenbrust in Schweineschmalz zu braten und schnitt alles in kleine Würfelchen. Mit einer kleinen Schale davon setzte ich mich auf den Boden, mitten in das Rudel und verteilte per Hand die kleinen Leckerli und ich selbst aß auch mit. Hier wurde ich sehr streng beobachtet und der Sinn der Übung war, was die „Oberkatze“ gut findet, kann nicht schlecht sein. Sally nahm auch ab und an ein Stückchen an und somit wurde sie an den Fleischgeschmack gewöhnt. Es gab viele Wiederholungen, auch heute mache ich das gerne, so fördere ich auch den Zusammenhalt und sie genießen es sehr.

Sally bekam dann die gebratenen Fleischwürfelchen auch unter ihr Dosenfutter und sie fraß es problemlos mit – natürlich auch eingeschlichen. Es wurde immer mehr „echtes“ Fleisch und das Fleisch war schon innen roh. Nach weiteren 2 Monaten hatte sie nur noch rohes Fleisch im Näpfchen mit den Supplementen, die ich auch eingeschlichen hatte.

Nun hatte ich es geschafft. Ich habe immer fest daran geglaubt, obwohl wir einige Rückfälle hatten, aber das sehe ich als normal an, denn man nimmt ihnen ja erstmal das Liebste was sie haben und das würde auch sonst kein Wesen mögen. Also ist langer Atem, viel Geduld und Liebe angesagt und vor allem das Loben nicht vergessen.

 Sie fraß für ihr Leben gerne Eintagsküken und Mäuse, die ich ihr mäulchengerecht zubereitet habe. Ich denke ohne diese Futterumstellung wäre sie nicht stolze 13 Jahre alt geworden mit diesen ganzen Erkrankungen.

Liebe Grüße aus dem Lucky-Land

Sonja Graf und die Nasen

Der Bericht erschien in Dezember-Ausgabe 2010 der Zeitschrift "DuBarfst" und es ist zu beachten, das es mein geistiges Eigentum ist. Dennoch ist die Verbreitung gewünscht mit meinem Namen.

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